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Anhöhe

In Berlin, am Ende der Kieler Straße, befindet sich ein in einen Neubau integrierter Wachturm des ehemaligen Grenzgebiets, der heute als Mahnmal dient. Hier befand sich einst die Führungsstelle Kieler Eck. Von den 302 Wachtürmen, die der Deutsch-Deutschen Grenzsicherung dienten, ist er einer der heute nur noch 3 erhaltenen. Eine Parallele zu diesem urbanen Element der Hauptstadt zieht Frank Balve mit seiner neue Arbeit Anhöhe. Es handelt sich um eine Installation, die das Programmm der Galerie MaxWeberSix Friedrich auf der Messe „Positions“ Berlin repräsentiert. Das Wort Anhöhe bezeichnet laut Duden „mäßig hohe Erhebung im Gelände“, einen Hügel also, etwas, das in der Natur vorkommt.

Der Titel entspringt einem Text, den Balve 2012 verfasste und der an der Fassade auf Bannern gedruckt zu lesen ist. Aus Text wird Idee wird Gedankenkomplex wird Kunst, wie das häufig im Werk des in München ansässigen Künstlers ist. Der Begriff Anhöhe an sich weckt ganz andere Assoziationen als das massive Konstrukt – es misst 7 Meter in der Höhe und Breite sowie 4 Meter in der Tiefe –, das auf der Messe vor uns steht: nicht nur durch den tiefschwarzen Stoff, der es umhüllt, und das mit Nato- Stacheldraht umrandete Gesims entwickelt es eine regelrecht martialische Erscheinung, hinzu kommen Personen als Staffagefiguren, denen man ihre Zugehörigkeit zum Turm an ihrer schwarzen Kleidung ablesen kann. Sie umgeben den Turm, bewachen und begleiten ihn, verändern ihn, sind seine Erweiterung. Der Künstler spielt regelrecht mit den Ängsten und Hemmungen des Besuchers: Darf man sich da wirklich ran- und reinwagen? Der düstere Grundton sowie der verstörende Effekt als typische Kennzeichen Balves Arbeiten, die Dr. Susanne Ott in der Biografie des Künstlers beschreibt, treten hier deutlich zu Tage.

Man mag an den Turm (1987-89) von Erwin Heerich denken, der als ausgewiesene „begehbare Plastik“ das Augenmerk des Rezipienten auf die Verwandtschaft zwischen Skulptur und Architektur richtet. Anders als bei älteren Arbeiten Balves, der seine Ausbildung 2009 in der Klasse für Keramik und Glasmalerei bei Norbert Pangenberg an der Münchner Akademie der bildenden Künste begann, ist der Betrachter hier nämlich nicht dazu verdammt, draußen ausgesperrt zu bleiben und lediglich durch eine Glasscheibe oder einem Zaun nach innen zu schauen. Hier wird nun die Kunst selbst zum Kunst-Ort, denn sie ist als Ausstellungsraum bzw. Messestand begehbar und erfahrbar. Im Erdgeschoss des Turms wird das zeitgenössische Programm der Galerie MaxWeberSixFriedrich präsentiert, es sind Arbeiten von Joseph Beuys, John Chamberlain, Wilhelm Mundt und Frank Balve ausgestellt.
Die inneren Räume sind im Dienste der Kunstpräsentation stark zurückgenommen, weiße Oberflächen lassen den von Balve konstruierte Raum im Bewusstsein des Besuchers zurückweichen, da dieser seine Aufmerksamkeit nunmehr den Werken, nicht der Architektur schenkt. Es wird somit eine Art Bühne zur Verfügung gestellt, die an eine gut beschützte Kunst- und Wunderkammer denken lässt.

Die Anhöhe ist – wie der Name schon erahnen lässt – weithin in der Messehalle zu sehen, zudem soll sie regelmäßig die Aufmerksamkeit der Besucher durch den Schrei eines darin eingebauten Nebelhorns fordern. Sie wird also gleichermaßen anziehen und abschrecken. Wehrturm, Mahnmal, Schatzkammer, gar Spiritueller Ruhe-Raum? Das mögen alles Begriffe sein, die auf die Anhöhe zutreffen und gleichzeitig wieder nicht. Aber die Arbeit von Frank Balve muss und kann man nicht Kategorisieren. Sie ist eine Entwicklung aus älteren Werken, in die unzählige neue Ideen mit eingeflossen sind, der man durch Verschlagwortung nicht im Ansatz gerecht werden kann.

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