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Biografie

Frank Balves Bildsprache ist explizit. Ihr Grundton ist düster, ihre Artikulation klar, ihr Effekt verstörend. Balve entwirft seine Bilder mit Farbe, baut sie aus Stein oder Papier, inszeniert sie für die Kamera, fasst sie in Sprache. In raumbezogenen Installationen von oft musealem Ausmaß vereint er autonome Objekte und eigens geschaffene Arbeiten zu Erfahrungsräumen, auf die sich der Betrachter mit allen Sinnen körperlich und mental einlassen muss. Das Programm dieser – im Sinn Michael Frieds – theatralisch konzipierten Räume reicht von aktuellen gesellschaftlichen Themen wie dem Überwachungsstaat oder der Rolle der Medien über beklemmende Gewaltszenarien bis hin zu surreal, albtraumhaft wirkenden Szenen, die sich aus der persönlichen Erinnerung des Künstlers speisen. Ausgangspunkt für Frank Balves Arbeit sind häufig literarische Werke von Dante bis zum Marquis de Sade, mythologische sowie biblische Stoffe oder Meisterwerke der klassischen Tafelmalerei, die er sich in einem Prozess unbefangener Auseinandersetzung aneignet und in seine Bildsprache übersetzt.

Insbesondere der Ästhetik des Materials kommt in Frank Balves Schaffen, der sein Studium 2009 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste in der Keramikklasse bei Norbert Prangenberg aufnimmt, eine zentrale Bedeutung zu. Für die „Papierplastiken“ wird etwa in einem eigens entwickelten Verfahren fein gehäckselter Zellstoff in bis zu hundert Schichten auf eine Trägerform gesprüht. Die schwer einzuordnende, porös wirkende Konsistenz dieser Oberflächen, die an Kalkablagerungen, Asche oder Fossilien erinnert, verunklart die Ursprungsform und übt einen starken visuellen und taktilen Reiz aus. Gezielt wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Semantik des Materials gelenkt. So etwa auch im Fall der immer wiederkehrenden industriell hergestellten Fliesen mit ihren spezifischen Konnotationen von Kühle, Härte, Sterilität und Reinlichkeit. Sie erfahren im Kontext des jeweiligen Werkes eine Bedeutungsverschiebung, je nachdem ob sie verschmutzt, zerbrochen oder sorgfältig verlegt sind. Auch in der „Konzeptionellen Malerei“ spielen Behandlung und Wirkung der Farbmaterie eine prominente Rolle. Den Hintergrund der großformatigen Tafelbilder bilden in der Regel monochrome Farbflächen. Sie werden von zahlreichen Schichten abstrakter Spritzer und Verläufe überzogen, für die der Künstler die Farbe mit der Hand in einem performativen Akt auf den Bildträger wirft und sodann durch Bewegen der Leinwand dirigiert. Durch den Gegensatz der flächig aufgetragenen Wandfarbe und der lebendigen, plastischen Struktur der Acrylfarbe entsteht ein reliefartiger Eindruck. Zudem provoziert Balve durch die Mischung der Farbe gezielt Veränderungsprozesse: Verläufe platzen im Lauf der Zeit teilweise ab und in getrockneten Farbseen bilden sich Risse, die an die Krakelüren von Ölgemälden alter Meister erinnern. Diese sich im Formalen äußernde Dekonstruktion bildet ein grundlegendes Prinzip im Werk Balves:

Klänge werden zunächst kreiert und sodann bis hin zur Unkenntlichkeit wieder verzerrt. Videobilder werden in so großer Zahl übereinander geblendet, dass der ursprüngliche Inhalt nicht mehr erkennbar ist oder durch extreme Verlangsamung zu nahezu unbeweglicher „Videomalerei“ gefroren. Räume werden aufgebaut, um sodann wieder in Fragmente zerlegt zu werden. Dem Arbeitsprozess eignet dabei eine starke performative Komponente, nicht selten trägt er aggressive oder destruktive Züge und geriert sich als physischer Kraft- oder sogar Gewaltakt. So ist auch Balves malerische Bezugnahme auf Werke der klassischen Tafelmalerei nicht ohne Berücksichtigung ihres Entstehungsprozesses zu verstehen. Im Akt des gezielten Werfens der Farbe und dem Zerteilen der Leinwand erhält die zunächst durchaus positiv besetzt wirkende Aneignung des Vorbilds auch Züge einer gewaltsamen Auseinandersetzung, wenn nicht gar eines Vatermords. Der Künstler tritt jedoch nicht auf als sich im spontanen Malakt expressiv selbst entäußernder Genius, sondern als Performer und Produzent, dessen Aktionen einem immanenten Plan folgen, der sich in der Struktur der Werke spiegelt.

Eine für das Werkverständnis zentrale Strategie Frank Balves besteht im Erzeugen von Schaukastensituationen, wie sie durch Zäune, Gucklöcher oder Performances hinter Glasscheiben entstehen. Der Betrachter wird ausgesperrt, auf seine Rolle als Zuschauer, als voyeuristischer Beobachter und damit auf sich selbst verwiesen. Ähnlich wie bei den begehbaren Räumen, die mit Licht, Klängen und Bildern eine körperlich erfahrbare beklemmende, unheimliche Stimmung erzeugen, bleibt er auch als Außenstehender nicht distanziert, sondern befangen in einem Zustand emotionaler Beunruhigung und intellektueller Irritation, der noch weit über den Zeitraum der Betrachtung hinaus nachwirkt. Trotz ihrer formalen Heterogenität folgen Frank Balves Arbeiten einer kohärenten ästhetischen Konzeption, deren kunsthistorisches Koordinatensystem sich von Marcel Duchamps betrachterbezogener Installation „Etant donnés“ über das amerikanische Action Painting bis hin zu Gregor Schneiders psychophysischem Erlebnisraum „Totes Haus u r“ spannt. Zwar werden die malerischen, fotografischen, plastischen, performativen oder filmischen Arbeiten als eigenständig verstanden, zugleich fungieren sie aber als Teil eines vielschichtigen, werkübergreifenden Programms. Sie sind durch zahlreiche wiederkehrende formale Elemente und Motive miteinander verknüpft, die zum einen Klammerfunktion haben, zum anderen einen Zeichenkosmos bilden, in dem die Erzeugung von Sinn sich in einem ständigen Fluss befindet: Fliesenkabinen mit Duschköpfen, heruntergekommene Zimmer, Nacktheit, Anhäufungen von Videomonitoren, verkrustete Rollstühle. Balve bedient sich einer anspielungsreichen, oft ambivalenten Metaphorik, die auf einer privaten Ikonographie basiert und stets die aktive Beteiligung des Betrachters an der Sinnproduktion einfordert.

Susanna C. Ott (SO)