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Bloc

Ein typisch deutscher Spielplatz: Rutsche, Doppelwippe, Schaukel, Sandkasten, Federwipptier und Karussell, daneben die Sitzbank für die Aufsichtspersonen. Aber hier erklingt kein fröhliches Kinderlachen, der Platz wirkt verlassen, erstarrt, tot. Üblicherweise fröhlich bunt bemalt, sind die Spielgeräte des „Bloc“ mit schwarzem Zellstoff ummantelt. Ihre dumpfen, porös wirkenden Oberflächen wecken Assoziationen an den Ascheregen eines Vulkanausbruchs, an fossile Knochen oder abgestorbene Korallen. Eine dezente Soundinstallation, die den Raum mit surreal-abstrakten Klängen füllt, verstärkt die beunruhigende Atmosphäre.
„Bloc“ thematisiert den Spielplatz als Ort sozialer Interaktion. Die sieben Module bilden auf einer 160 Quadratmeter großen Fläche maßstabsgetreu das standardisierte Inventar eines öffentlichen Kinderspielplatzes nach. TÜV-geprüft und von Pädagogen entworfen, bieten die genormten Geräte Kindern einen klar ausgewiesenen und begrenzten Raum zum Spiel. An einem solchen Ort steht nicht ausgelassenes Toben im Vordergrund, hier wird Sozialverhalten trainiert, werden erste Konflikte ausgetragen und Beziehungen ausprobiert – immer unter dem wachsamen Blick der Autoritätspersonen auf der Bank, die, stets zum Eingreifen bereit, die Regeln vorgeben.
Vier hohe Scheinwerfer, die außerhalb des Geländes stehen, tauchen den Platz in ein grelles Licht, das harte Schlagschatten wirft. Durch die gnadenlose Ausleuchtung jedes Winkels wird eine unangenehme Beobachtungssituation geschaffen, in der auch der implizite Aufseher der Kinder auf der Bank zum Beobachteten wird. Ein schwarzer Maschendrahtzaun umgrenzt den Spielplatz und bildet zugleich einen Schutzraum und Käfig. Einen Eingang gibt es nicht, der Betrachter muss „draußen“ bleiben und die Rolle eines Beobachters/Voyeurs übernehmen; dabei wird er von der raumgreifenden Arbeit gleichsam an die Wand gedrängt. Durch die grelle Beleuchtung und die Umzäunung verschiebt sich die Atmosphäre von einem Ort des Spiels hin zu einem der Ort der institutionalisierten Überwachung und des Kampfes, etwa einem Gefängnishof (bloc steht in der französischen Umgangssprache für „Knast“, „Bunker“), einem Boxring oder einem Sportstadion.
Obwohl „Bloc“ aufgrund der reduzierten, klaren Formensprache zunächst leicht lesbar scheint, erschließen sich aufgrund der spezifischen Gestaltung und Konzeption nach und nach immer neue Sinnebenen. Während etwa auf realen Spielplätzen Sandböden oder Weichgummimatten die Verletzungsgefahr mindern sollen, stehen die Spielgeräte des „Bloc“ auf einem harten, weißen Kachelboden. Der leicht zu säubernde, aseptisch glänzende Untergrund ruft Assoziationen an ein Schlachthaus oder Krankenhaus hervor – der Spielplatz mutiert zum Labor, die Kinder zu unfreiwilligen Teilnehmern eines brutalen Experiments. William Goldings Roman „Herr der Fliegen“ (1954) kommt in den Sinn, der eine auf einer Insel gestrandete Gruppe von Kindern in ihrem zunehmend barbarischen Verhalten schildert und damit die angeborene Gewaltbereitschaft des Menschen thematisiert.
Auch die historische Aula, die den räumlichen Hintergrund der Arbeit bildet, spielt eine Rolle im Rezeptionsprozess. Die wertvollen Tapisserien, die in den 1730er Jahren in der Manufaktur des französischen Königs Louis XV. nach den Fresken Raffaels in der Stanza della Segnatura des Vatikans ausgeführt wurden und die als Staatsgeschenke ihren Weg in die Akademie fanden, repräsentieren die Macht der Regierenden wie die Bedeutung des Alten Meisters gleichermaßen. Die Installation relativiert die eigentlich eindrucksvolle Größe der Aula und widersetzt sich ihrer prunkvollen Ausstattung mit farblicher und formaler Strenge. Der ehrwürdige Saal wird zur Kulisse degradiert. Zum anderen ist der fensterlose Raum mit seinen großflächigen Wandbehängen von einer musealen Atmosphäre geprägt, die leicht ins Stickige und Dustere kippt und damit die bedrückende Stimmung des „Bloc“ unterstreicht.
Durch bewusst in Kauf genommene Ungenauigkeiten bei den Nachbauten verdeutlicht Frank Balve die Modellhaftigkeit seiner Arbeit. Der Spielplatz wird zur Metapher für menschliches Sein und Handeln in der Gesellschaft. Balve präsentiert ihn als Heterotopos im Sinn Michel Foucaults, als differenten „Gegenraum“, der eine Welt für sich bildet, nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert und damit in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentiert.