Installation

Frank Balve baut Räume. Erfahrungsräume, die sich in komplexen, vielschichtigen Strukturen manifestieren. Die Wurzeln seiner Installationen finden sich in der kritischen Auseinandersetzung mit literarischen Vorlagen, unserer konsum- und medienbesessenen Gesellschaft sowie der Präsenz einer oft spürbaren übergeordneten Kontrolle und Macht. Gemeinsam mit autobiographischen Bruchstücken des Künstlers verbinden sich diese Fragmente mit subjektiven Erinnerungswerten des Betrachters und dem ihn umgebenden Raum zu einem Gesamtbild. Dadurch werden die Installationen zu einem (meist) betretbaren und real erfahrbaren Psychogramm. Auf einmal steht man am Gitter, schaut verstohlen hinein in diese Mischung aus Versuchsaufbau und Kinderspielplatz, die einer Kreuzung aus Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ und Jean-Pierre Jeunet und Marc Caros „Die Stadt der verlorenen Kinder“ entsprungen zu sein scheint. Die Rauminstallation „bloc“ (2012) sperrt den Betrachter aus und lässt ihn im Dunkeln, jenseits der grellen Scheinwerfer, zum heimlichen Beobachter einer beklemmenden Szenerie werden. Dieses voyeuristische Moment, verbunden mit einer uns scheinbar vertrauten, jedoch in neuen Zusammenhängen verorteten Situation, ist charakteristisch für viele Installationen von Frank Balve. Verschiedene Elemente und Symbole, wie flirrende Fernseh- oder Überwachungsmonitore, dunkle Holzkonstruktionen oder Fliesen tauchen immer wieder auf. Die raumfüllende Medieninstallation „The Hide“ (2011), eine Mischung aus Doppelgalgen und Einarmigem Banditen, erhebt sich monumental über dem Betrachter. Die im Casino aufgenommene Soundcollage begleitend im Ohr, steht man wie geschrumpft vor den in der Luft hängenden, sich unermüdlich drehenden Monitoren, und wartet vergeblich darauf, dass sie anhalten und die ersehnte Kombination anzeigen. Auch in „1. Gesang“ (2011), ein sich auf die Göttliche Komödie von Dante Alighieri beziehender Hybrid aus Wandarbeit und Rauminstallation, greift Frank Balve auf eine Vielzahl von Monitoren zurück. Der erste Raum zeigt eine abstrakte, aus vielen Leinwänden zusammengesetzte malerische Fläche, auf die der Künstler die Farbe in einem performativen Akt kontrolliert und gezielt aufspritzte. Im zweiten Raum vervollständigt eine auf dem Boden liegende, aus 30 Monitoren bestehende audiovisuelle Installation die imaginäre Reise auf dem Fluss in die Unterwelt. Beim Einsatz der bereits genannten Fliesen, die immer wieder erscheinen, variiert die Symbolik von einem Extrem ins andere: Während saubere weiße Fliesen an eine sterile Kliniksituation erinnern, sind an den dreckigen, verschmierten, verschlissenen und gebrochenen schmutzigen Fliesen die Spuren der Zeit und ihre Geschichte abzulesen. Immer präsenter werden auch größere Objekte, die aus einer vom Künstler eigens entwickelten vielschichtigen Papier-Korallenstruktur bestehen und durch die Fragilität des Materials nur eine scheinbare Tragsicherheit suggerieren. Meist verschmelzen in Balves Rauminstallationen Skulptur, Plastik, Fotografie, Video und Malerei untrennbar miteinander. Dabei spielt die Verbindung von visuellen und akustischen Reizen, die für den Betrachter einen „Wahrnehmungsradius“ schafft, bei der Inszenierung stets eine wichtige Rolle. Während der Sound aus dem Off, bestehend aus extrem langsam abgespielten Klangelementen, die Installation auf ein auditives Grundgerüst bettet, lenkt die Lichtführung den Blick des Betrachters auf bestimmte Dinge und verdunkelt wiederum andere. Im Spiel mit Licht und Schatten, Linien und Flächen sowie verschiedenen Oberflächen entstehen immer wieder bewusste Leerstellen. Die meisten seiner Rauminstallationen konzipiert Balve als autonome Projekte (z.B. „bloc“). Manchmal verweisen traumhaft und surreal wirkende Videoüberblendungen innerhalb der Installation aber auch auf vorangegangene performative Elemente (wie bei „Fragment“). Sie deuten an, was in diesem Raum passiert ist oder sein könnte und bringen das Element Zeit mit ins Spiel: Zur Echtzeit des Betrachters innerhalb der Installation gesellt sich eine abstrakte Ebene, in der die Zeit stillstehen kann oder sich unbeeinflussbar ausdehnt. Balves Installationen haben eine enorme physische Präsenz. Sie sind nicht interaktiv im praktischen Sinne. Als Betrachter greift man nicht direkt in sie ein, sondern tritt mit den scheinbar verlassenen Räumen, in denen die Spuren anderer oft noch lesbar sind, in Beziehung. Man begibt sich auf eine Gratwanderung zwischen dem reinen Konsumieren des Gesehenen einerseits und Gefühlen wie Irritation und Beklommenheit andererseits. Diese Eindrücke, die jede Sekunde ins Gegenteil zu kippen drohen, machen uns bewusst, dass wir den trügerischen schönen Schein so mancher Oberfläche durchaus öfters hinterfragen sollten.
Anna Wondrak

anhöhe

INSTALLATION (RAUM ) | HOLZ / TEXTIL / STACHELDRAHT | SEPTEMBER  2017 |

In Berlin, am Ende der Kieler Straße, befindet sich ein in einen Neubau integrierter Wachturm des ehemaligen Grenzgebiets, der heute als Mahnmal dient. Hier befand sich einst die Führungsstelle Kieler Eck. Von den 302 Wachtürmen, die der Deutsch-Deutschen Grenzsicherung dienten, ist er einer der heute nur noch 3 erhaltenen. Eine Parallele zu diesem urbanen Element der Hauptstadt zieht Frank Balve mit seiner neue Arbeit Anhöhe. Es handelt sich um eine Installation, die das Programmm der Galerie MaxWeberSix Friedrich auf der Messe „Positions“ Berlin repräsentiert. Das Wort Anhöhe bezeichnet laut Duden „mäßig hohe Erhebung im Gelände“, einen Hügel also, etwas, das in der Natur vorkommt.
Der Titel entspringt einem Text, den Balve 2012 verfasste und der an der Fassade auf Bannern gedruckt zu lesen ist. Aus Text wird Idee wird Gedankenkomplex wird Kunst, wie das häufig im Werk des in München ansässigen Künstlers ist. Der Begriff Anhöhe an sich weckt ganz andere Assoziationen als das massive Konstrukt – es misst 7 Meter in der Höhe und Breite sowie 4 Meter in der Tiefe –, das auf der Messe vor uns steht: nicht nur durch den tiefschwarzen Stoff, der es umhüllt, und das mit Nato- Stacheldraht umrandete Gesims entwickelt es eine regelrecht martialische Erscheinung, hinzu kommen Personen als Staffagefiguren, denen man ihre Zugehörigkeit zum Turm an ihrer schwarzen Kleidung ablesen kann. Sie umgeben den Turm, bewachen und begleiten ihn, verändern ihn, sind seine Erweiterung. Der Künstler spielt regelrecht mit den Ängsten und Hemmungen des Besuchers: Darf man sich da wirklich ran- und reinwagen? Der düstere Grundton sowie der verstörende Effekt als typische Kennzeichen Balves Arbeiten, die Dr. Susanne Ott in der Biografie des Künstlers beschreibt, treten hier deutlich zu Tage.
Man mag an den Turm (1987-89) von Erwin Heerich denken, der als ausgewiesene „begehbare Plastik“ das Augenmerk des Rezipienten auf die Verwandtschaft zwischen Skulptur und Architektur richtet. Anders als bei älteren Arbeiten Balves, der seine Ausbildung 2009 in der Klasse für Keramik und Glasmalerei bei Norbert Pangenberg an der Münchner Akademie der bildenden Künste begann, ist der Betrachter hier nämlich nicht dazu verdammt, draußen ausgesperrt zu bleiben und lediglich durch eine Glasscheibe oder einem Zaun nach innen zu schauen. Hier wird nun die Kunst selbst zum Kunst-Ort, denn sie ist als Ausstellungsraum bzw. Messestand begehbar und erfahrbar. Im Erdgeschoss des Turms wird das zeitgenössische Programm der Galerie MaxWeberSixFriedrich präsentiert, es sind Arbeiten von Joseph Beuys, John Chamberlain, Wilhelm Mundt und Frank Balve ausgestellt.
Die inneren Räume sind im Dienste der Kunstpräsentation stark zurückgenommen, weiße Oberflächen lassen den von Balve konstruierte Raum im Bewusstsein des Besuchers zurückweichen, da dieser seine Aufmerksamkeit nunmehr den Werken, nicht der Architektur schenkt. Es wird somit eine Art Bühne zur Verfügung gestellt, die an eine gut beschützte Kunst- und Wunderkammer denken lässt.
Die Anhöhe ist – wie der Name schon erahnen lässt – weithin in der Messehalle zu sehen, zudem soll sie regelmäßig die Aufmerksamkeit der Besucher durch den Schrei eines darin eingebauten Nebelhorns fordern. Sie wird also gleichermaßen anziehen und abschrecken. Wehrturm, Mahnmal, Schatzkammer, gar Spiritueller Ruhe-Raum? Das mögen alles Begriffe sein, die auf die Anhöhe zutreffen und gleichzeitig wieder nicht. Aber die Arbeit von Frank Balve muss und kann man nicht Kategorisieren. Sie ist eine Entwicklung aus älteren Werken, in die unzählige neue Ideen mit eingeflossen sind, der man durch Verschlagwortung nicht im Ansatz gerecht werden kann.

 

 

 

anlage | kabine III

INSTALLATION (RAUM ) | HOLZ / PAPIERZELLSTOFF / GITTER | FEBRUAR  2017 |

Frank Balve hat in seiner zweiteiligen Installation eine Raum-im-Raumsituation geschaffen, in der er konkrete Räume des religiösen Lebens auf ihre symbolische Gegenständlichkeit reduziert und in der realen Lebenswelt neu verortet.

So führt den Besucher seinen Weg vorbei an einem scherenschnittartigen Gräbermeer hin zu einer sich im Innenraum der Akademie befindenden Wegkapelle.

Die Kreuze der „Anlage“ sind ebenso leer und anonym, wie die „Kabine III“ samt Interieur weiß, die symbolische Bedeutung der Objekte ist ebenso präsent wie deren religiöse Legitimation abwesend. Die Verfremdung der einzelnen Gegenstände in Material und Farbe, die kalte künstliche Beleuchtung sowie der Zaun als klare Begrenzung der „Gegenräume“ erzeugen eine Spannung zwischen der vermeintlich schnell erfassbaren Objekthaftigkeit und der transzendenten Bildhaftigkeit der evident künstlichen Raumsituation.

Durch das Verschwinden sämtlicher traditionellen Bedeutungsebenen, transformiert Frank Balve hier bewusst nicht nur die einzelnen Werkgruppen zu Projektionsflächen jeglicher Art subjektiver Assoziationen und macht so den Betrachter zu einem festen Bestandteil seines Werks. Vielmehr gelingt ihm die Verortung des Kunstwerks selbst in der alltäglichen Lebenswirklichkeit.

menschenleer

INSTALLATION (RAUM / SOUND) | JULI / OKTOBER  2016 |

gerippe| HOLZ / ACRYL / ASCHEPIGMENT | 113 x 660 x 233 CM |  JULI / OKTOBER  2016  |
ring 3 | VIDEO | 14 MIN. LOOP | HOLZBOX 97 x 59 x 17 CM | APRIL  2013 |
ohne titel (wind) | PAPIERZELLSTOFF AUF LEINWAND | 80 x 100 CM |  JULI 2016 |

 

Die Installation „Menschenleer“ des Künstlers Frank Balve“ war am 12.07.2016 in München (Bayern) in der Galerie Six Friedrich zu sehen. Foto: Felix Hörhager

In Menschenleer steht ein Objekt im Zentrum, das den Titel Gerippe (Boot) trägt und die Form eines hölzernen Rettungsbootes aus dem frühen 20. Jahrhundert zitiert. Die Querbalken der Bänke sind derart eng aneinander angebracht, dass niemand mehr auf ihnen Platz nehmen kann. Sie formieren sich zu einem sauberen Raster, das hier und da Schlitze preisgibt.

Der Bug weist in Richtung Wand. Hier hängen 18 mit Papierzellstoff bearbeitete Leinwände „Ohne Titel (Wind)“. Ihre symmetrische Anordnung erzeugt eine fiebernde Spannung mit dem Boot. Wo eigentlich ein romantisierender Hoffnungsschimmer oder eine Klärung der Lage am Horizont zu erwarten wären, ergießt sich bis auf einige Strukturen absolute Leere über den Leinwänden. Die weißen Bilder üben eine ruhige, tröstliche Faszination aus und haben die Vergegenwärtigung des Scheiterns von Caspar David Friedrichs Eismeer hinter sich gelassen.

Untermalt wird die Szenerie von einem Rauschen, dessen Quelle die Videoinstallation Ring 3 ist. Im Dauerloop wird eine schaumige und fast schon schleimig anmutende Gischt an Wellenkämmen präsentiert, die gefräßig den Strand umspülen. Durch den veränderten Klang des Meeres erhält das Naturschauspiel einen irritierenden Beigeschmack, da die Einheit von Gesehenem und Gehörtem gesprengt wird.

 

 

 

extraktion

INSTALLATION (RAUM)  | EINGEZOGENE WAND ( HOLZ / 8,80 X 7,00 M )  |  RAMPE  ( HOLZ / 6,50 X 1,50  M )  |  KELLERRAUM ( 8,80 X 1,50 M)  |  HOLZ / STAHL / TEPPICH / GLAS / PAPIER / FLIESEN / ASCHE / GIPS  | JUNI 2015 |

timber la ruine

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO ) | GIPS / HOLZ / ASCHE / FERNSEHER / ZEMENT |
|  AUGUST 2010 | JULI 2014 |

 

Ein abstrahierter Baumstamm (9 x 5 x 3 Meter) bricht durch den Boden und erstreckt sich mittig über den größten Teil des abgedunkelten Raums. Der zerbrochene, scheinbar gänzlich abgestorbene Stamm ist Klangkörper einer ruhigen repetitiven Soundinstallation. Aus seinen abgebrochenen Ästen wuchern Kabel. Dieses, wie Adern anmutende, Gewirr aus meist gekappten, abgerissenen elektri- schen Leitern verbindet den Stamm stellenweise mit Objekten die formal an übergroße Sirenen oder Megafone erinnern.
In diese insgesamt acht Objekte (je 0,5 x 0,5 x 0,5 Meter) sind Bildschirme integriert auf denen ein Video zu sehen ist. Sie erhellen den Raum, füllen ihn mit „bewegtem Licht“ und beschallen ihn mit einer „Surround-Soundinstallation“.
Licht- und Soundelemente der „Sirenen“ treten durch wechselnde Bild/Ton -Rhythmik sowie Stille- phasen in Dialog zum Soundarrangements des Baumstamms.
Die Installation schafft mit Hilfe bildhauerischer und audiovisueller Mittel eine stimmungsgeladene Raumatmosphäre.

 

Foto: Dirk Bruniecki

 

 

box

INSTALLATION (RAUM ) | HOLZ / PAPIER / ASCHE / TEPPICH |DEZEMBER 2013 |

 

cluster

INSTALLATION (RAUM / SOUND) | HOLZ / ACRYL / LAMPEN  | OKTOBER 2013 |

Die Installation besteht aus 63 begehbare, architektonischen Konstruktionen, die an Räume erinnern und nach oben offen sind.  Alle Elemente sind weiß angestrichen. Ein breites Brett symbolisiert einen Tisch und ein etwas schmaleres, eine Bank, die zum sitzen einlädt. Nur ein winziges, auf den Tisch gerichtetes Spotlicht, erhellt den Raum. Die Kabinen erinnern, nicht nur wegen ihrer spärlichen Ausstattung, sondern auch auf Grund ihrer Anordnung, an Zellen: In mehreren, langen Reihen gliedern sie sich uniform aneinander. Nichts unterscheidet sie; nur die türartigen Öffnungen weisen in verschiedene Richtungen: Mal liegen sie sich gegenüber, mal zeigen sie in die eine, mal in die andere Richtung. Balve nutzt den Kontrast zwischen der strengen, einfachen Konstruktion der Zellen und der historischen Architektur der Galerie, und kreiert auch damit eine besondere Spannung.

 

 

 

 

kabine 2

INSTALLATION (RAUM / SOUND) | PAPIERZELLSTOFF / HOLZ / KLEIDUNG (STOFFE) / LAMPEN / FLAMMENRUSS | HAUS 2,5 x 6 M | JULI 2013 |

kleiderleichen | KLEIDUNG / FLAMMENRUSS / PAPIERZELLSTOFF / HOLZ | 220 X 40 CM (3 UNIKATE) |  2013 |

 

park

INSTALLATION (RAUM / SOUND)
| 480 M2 |  APRIL 2013 |

haifisch | STEIN | 500 X 1150 X 250 MM |  APRIL 2013 |
papierplastiken | PAPIERZELLSTOFF | APRIL 2013 |
rollstuhl | PAPIERZELLSTOFF | 1,2 X 0,8 X 0,5 M |  APRIL 2013 |

 

Frank Balve entwirft mit seiner Installation „Park“ einen urbanen Skulpturenpark im Untergrund. In Anlehnung an französische Barockgärten laden symmetrisch angeordnete Skulpturen und Objekte zum Flanieren und Verweilen ein. Während in realen Parkanlagen jedoch die Natur mit ihren vermeintlichen heilenden Kräften als Garant für innere Reinigung steht, dominieren in diesem „Park“ kalte, harte Materialien. Anders als im Barockgarten, dessen Skulpturenprogramm der heiteren Zerstreuung dient, erzeugen die skulpturalen und plastischen Objekte im MaximiliansForum zudem überwiegend unangenehme Bilder.

 

fragment

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO / FOTOGRAFIE)
| 8 x 2 x 4 M | PAPIERZELLSTOFF / HOLZ / FLIESEN / METALL / LEUCHTKÄSTEN / MONITORE | OKTOBER 2012 |

 

 

Mit „Fragment“ greift Frank Balve erstmals das Thema der Erinnerung auf. Formal handelt es sich bei der begehbaren Installation um eine Neu-Konstruktion aus Teilen der zerstörten Re- Konstruktion eines Raumes, den Balve in Anlehnung an persönliche Erinnerungen geschaffen hatte. Die Fragmente wurden zu einer Folge von drei Räumen neu zusammen gesetzt, wobei ihre ursprüngliche Kohärenz verloren ging. Von Zimmer zu Zimmer verringert sich die Zahl der Koordinaten, gleich einer verblassenden Erinnerung, die zunehmend bruchstückhafter wird, bis sie sich schließlich auf wenige unzusammenhängende Bilder reduziert. Die Kombination von plastischen Elementen, bewegten Videobildern, Fotografien und verstörenden Klängen gleicht dabei dem multimedialen Charakter von Erinnerungen, die bildhafte Elemente, filmartige Szenen, Geräusche und vor allem Gefühle umfassen können. Eine Schlüsselfunktion kommt den Fotografien und Videos zu, die auf frühere Ereignisse in diesen Räumen verweisen. Sie zeigen einen weiblichen und einen männlichen Protagonisten in der noch intakten Kulisse. Die surrealen, alptraumhaften Bilder suggerieren düstere Assoziationen an individuelle Ängste und Gewaltszenarien.

Der Ort erscheint aufgeladen mit den Energien vergangener Ereignisse, die vom Betrachter nachempfunden oder imaginiert werden, vielleicht auch mit eigenen Erinnerungen verwoben. Ein beunruhigendes Gefühl stellt sich ein, eine Irritation, ähnlich den Nachwirkungen eines Alptraums. Der überzogen dargestellte Verfall und die identitätslosen Körper mit ihren verschwommenen Gesichtern verleihen der Arbeit zudem eine metaphorische Dimension: Das verwahrloste Abbruchhaus wird zum Sinnbild für die menschliche Psyche, für die unkontrollierbaren Prozesse unserer Erinnerung.

bloc

| INSTALLATION (RAUM / SOUND) | PAPIERZELLSTOFF / HOLZ / FLIESSEN / STRAHLER | 20 X 8 X 4 M | JULI 2012 |

 

 

Ein typisch deutscher Spielplatz: Rutsche, Doppelwippe, Schaukel, Sandkasten, Federwipptier und Karussell, daneben die Sitzbank für die Aufsichtspersonen. Aber hier erklingt kein fröhliches Kinderlachen, der Platz wirkt verlassen, erstarrt, tot. Üblicherweise fröhlich bunt bemalt, sind die Spielgeräte des „Bloc“ mit schwarzem Zellstoff ummantelt. Ihre dumpfen, porös wirkenden Oberflächen wecken Assoziationen an den Ascheregen eines Vulkanausbruchs, an fossile Knochen oder abgestorbene Korallen. Eine dezente Soundinstallation, die den Raum mit surreal-abstrakten Klängen füllt, verstärkt die beunruhigende Atmosphäre.

„Bloc“ thematisiert den Spielplatz als Ort sozialer Interaktion. Die sieben Module bilden auf einer 160 Quadratmeter großen Fläche maßstabsgetreu das standardisierte Inventar eines öffentlichen Kinderspielplatzes nach. TÜV-geprüft und von Pädagogen entworfen, bieten die genormten Geräte Kindern einen klar ausgewiesenen und begrenzten Raum zum Spiel. An einem solchen Ort steht nicht ausgelassenes Toben im Vordergrund, hier wird Sozialverhalten trainiert, werden erste Konflikte ausgetragen und Beziehungen ausprobiert – immer unter dem wachsamen Blick der Autoritätspersonen auf der Bank, die, stets zum Eingreifen bereit, die Regeln vorgeben.

Vier hohe Scheinwerfer, die außerhalb des Geländes stehen, tauchen den Platz in ein grelles Licht, das harte Schlagschatten wirft. Durch die gnadenlose Ausleuchtung jedes Winkels wird eine unangenehme Beobachtungssituation geschaffen, in der auch der implizite Aufseher der Kinder auf der Bank zum Beobachteten wird. Ein schwarzer Maschendrahtzaun umgrenzt den Spielplatz und bildet zugleich einen Schutzraum und Käfig. Einen Eingang gibt es nicht, der Betrachter muss „draußen“ bleiben und die Rolle eines Beobachters/Voyeurs übernehmen; dabei wird er von der raumgreifenden Arbeit gleichsam an die Wand gedrängt. Durch die grelle Beleuchtung und die Umzäunung verschiebt sich die Atmosphäre von einem Ort des Spiels hin zu einem der Ort der institutionalisierten Überwachung und des Kampfes, etwa einem Gefängnishof (bloc steht in der französischen Umgangssprache für „Knast“, „Bunker“), einem Boxring oder einem Sportstadion.

Obwohl „Bloc“ aufgrund der reduzierten, klaren Formensprache zunächst leicht lesbar scheint, erschließen sich aufgrund der spezifischen Gestaltung und Konzeption nach und nach immer neue Sinnebenen. Während etwa auf realen Spielplätzen Sandböden oder Weichgummimatten die Verletzungsgefahr mindern sollen, stehen die Spielgeräte des „Bloc“ auf einem harten, weißen Kachelboden. Der leicht zu säubernde, aseptisch glänzende Untergrund ruft Assoziationen an ein Schlachthaus oder Krankenhaus hervor – der Spielplatz mutiert zum Labor, die Kinder zu unfreiwilligen Teilnehmern eines brutalen Experiments. William Goldings Roman „Herr der Fliegen“ (1954) kommt in den Sinn, der eine auf einer Insel gestrandete Gruppe von Kindern in ihrem zunehmend barbarischen Verhalten schildert und damit die angeborene Gewaltbereitschaft des Menschen thematisiert.

Auch die historische Aula, die den räumlichen Hintergrund der Arbeit bildet, spielt eine Rolle im Rezeptionsprozess. Die wertvollen Tapisserien, die in den 1730er Jahren in der Manufaktur des französischen Königs Louis XV. nach den Fresken Raffaels in der Stanza della Segnatura des Vatikans ausgeführt wurden und die als Staatsgeschenke ihren Weg in die Akademie fanden, repräsentieren die Macht der Regierenden wie die Bedeutung des Alten Meisters gleichermaßen. Die Installation relativiert die eigentlich eindrucksvolle Größe der Aula und widersetzt sich ihrer prunkvollen Ausstattung mit farblicher und formaler Strenge. Der ehrwürdige Saal wird zur Kulisse degradiert. Zum anderen ist der fensterlose Raum mit seinen großflächigen Wandbehängen von einer musealen Atmosphäre geprägt, die leicht ins Stickige und Dustere kippt und damit die bedrückende Stimmung des „Bloc“ unterstreicht.

Durch bewusst in Kauf genommene Ungenauigkeiten bei den Nachbauten verdeutlicht Frank Balve die Modellhaftigkeit seiner Arbeit. Der Spielplatz wird zur Metapher für menschliches Sein und Handeln in der Gesellschaft. Balve präsentiert ihn als Heterotopos im Sinn Michel Foucaults, als differenten „Gegenraum“, der eine Welt für sich bildet, nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert und damit in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentiert.

120

INSTALLATION (LICHT / VIDEO /RAUM / SOUND) | MALEREI / PAPIERPLASTIKEN / PAPIER / HOLZ / ACRYL / WANDFARBE / FLIESSEN / STOFF / BAROCKMÖBEL / TEPPICH / FENSTER | MAI 2012  |

 

Frank Balves äußerst vielschichtiges Werk kreist um oft unbequeme Themen von gesellschaftlicher und ethischer Relevanz. In aufwändigen Rauminstallationen kombiniert er ungegenständliche Malerei, Videoinstallationen, Papierplastiken, Lyrik und Soundcollagen zu multimedialen Konzeptionen von musealem Ausmaß. Dabei bezieht er sich häufig auf Werke der klassischen Tafelmalerei oder Literatur und spielt souverän mit überkommenen Gattungsbegriffen.
Überwachung, Voyeurismus, Medienkonsum, institutionalisierte Gewalt: „120“ basiert auf dem Romanfragment „Die hundertzwanzig Tage von Sodom oder die Schule der Ausschweifung“ des Marquis de Sade (1785), das wegen der kühlen Schilderung sexueller Perversion zu den umstrittensten Werken der Weltliteratur gehört. Balve richtet sein Augenmerk hingegen auf die meist übersehene gesellschaftskritische Dimension des Textes, die die institutionalisierte Kontrolle und Disziplinierung der „Anderen“ durch die Machthaber anprangert.
Während der erste Ausstellungsraum als repräsentatives Barockinterieur mit den klassischen Bildkünsten Malerei und Plastik gestaltet ist, ruft ein abgedunkeltes und verkacheltes Hinterzimmer Assoziationen an ein Schlachthaus oder Gefängnis hervor. In den Ecken sind drei Videoprojektionen nackter, kauernder Körper mit schwarzen Kapuzen zu sehen – eine Pose, die im kollektiven Gedächtnis gespeicherte Bilder von Folteropfern aus Gefangenenlagern wachruft. Zu den Klängen eines dekonstruierten Chopin-PrÈlude entfalten die in extremer Zeitlupe wiedergegebenen lebensgroßen Körper-Projektionen eine verstörende und zugleich fesselnde Wirkung, die den Betrachter seinem reizüberfluteten Alltag entreißt und ihn zu meditativer Ruhe zwingt.

 

 

kabine 1

INSTALLATION (RAUM) | HOLZ / PAPIERZELLSTOFF / PLEXIGLAS | JANUAR 2012 |

 

seraph

INSTALLATION (PLASTIK) | 13,00 x 4,00 M |  HOLZ / FLIESEN / WANDFARBE / METALL | NOVEMBER/ DEZEMBER 2011 |

 

erster gesang

INSTALLATION (KONZEPTIONELLE MALEREI) | ACRYL UND WANDFARBE AUF LEINWAND | 42 EINZELTEILE | 15,00 X 2,80 X 4,00 M | OKTOBER 2011 |

In der, von Ihm eigens für  firstlines erarbeiteten, Rauminstallation „Erster Gesang“ bezieht sich
der Künstler auf die Göttliche Komödie von Dante Alighieri. Zu diesem Hauptwerk des italienischen Dichters verfasste Frank Balve ein 15 x 2,8 Meter großes, aus 42 einzelnen Leinwänden bestehendes, Gemälde und eine audiovisuelle Installation, welche auf 15 Monitoren zu sehen ist, die es von den Besuchern zu überschreiten gilt.
Frank Balves Versuch alle 34 Gesänge Dantes in die 95 qm der Galerie unterzubringen erscheint zunächst gewagt, stellt sich nach intensiver Betrachtung aber als eine hervorragend, abstrakte Inszenierung des Literaturklassikers heraus. Durch eine intensive Farbsymbolik, starke Kontraste im Umgang mit den Räumen, spannungsreiche Durchblicke und dem Wechsel von Medien, Tempo und Duktus wird die Überfahrt auf dem Styx tatsächlich erlebar gemacht.

 

Damit ich dies und grössres Unheil fliehe,
Dass du mich dorthin führest, wo du sagtest,
So dass des heil‘gen Petrus Tür ich sehe
Und jene, die du schilderst als so traurig. –
Dann ging er, und ich folgte seinen Schritten.

– Dante, Göttliche Komödie, erster Gesang

 

abteilung 2

INSTALLATION (UNTERIRDISCHER RAUM ) | 3 X 3 X 3 M | HOLZ / PAPIER / PLEXIGLAS | JULI 2011 |

 

abteilung 1

INSTALLATION (RAUM) | 3 X 3 X 3 M | HOLZ / STEIN / PAPIER / GLAS | JUNI 2011 |

 

the hide

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO ) | 8,00 X 3,50 X 2,45 M | METALL / HOLZ / FERNSEHER / SCHAUFENSTERPUPPE (1,80 X 0,60 M) | JUNI 2011 |

Bei der Arbeit handelt es sich um eine raumgreifende Medieninstallation, die sich aus zwei skulpturalen Elementen zusammensetzt:
Eine von beiden ist eine frei schwebende Walze, die aus 30 gleich großen Fernsehern besteht. Diese sind kreistförmig in drei Spalten angeordnet (einarmiger Bandit). Zu sehen sind, sich in Rotation befindliche Glückspielsymbole (Zitrone, Melone, die Zahl 7, etc.) und Licht staccato Passagen. Das Rad hat die Maße von 2 x 2 Meter.

Das zweite Element ist eine, sich in einer der Ecken, auf dem Boden befindende Puppe. Diese ist farblich an das Rad angepasst. Die Maße der Puppe sind 1,80 x 0,60 Meter. Die Skulpturen bzw. Plastiken werden durch eine Soundinstallation unterstützt. Diese Soundcollage setzt sich aus Spielbetriebklängen zusammen, diese stammen aus Casinos. Das Thema der Spielhölle ist der Ausgangspunkt für die Soundinstallation. Das Thema der Klassenausstellung sind die Indianer Nordamerikas. Frank Balve befasste sich mit dem Aspekt des Glückspiels und dessen folgen auf Betreiber und Besucher (Sucht). Ein anderes Thema ist auch die Verblendung der Gesellschaft und Ablenkung von historischen Fakten.

sirene

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO ) | MARKUSKIRCHE MÜNCHEN | JUNI 2011 |

Die Rauminstallation von Frank Balve und Nico Kiese widmet sich dem weit gefächerten Thema der Werbung, die sowohl der gezielten, als auch der indirekten Beeinflussung des Menschen zu meist kommerziellen Zwecken dient.
Die beiden Künstler schaffen in den Räumen der Münchner Markuskirche eine Installation die Aspekte gängiger Werbemechanismen aufgreift und den Kirchenraum in ein anderes Licht taucht. Mit den offensichtlichen Gegensätzen des Kirchenraumes und durch emotionale, sowie informierende, Botschaften spricht Werbung bewusste und unbewusste Bedürfnisse an oder erzeugt Neue.
Das wichtigste Element der Werbung ist in der Regel nicht die Information, die immer mehr in
den Hintergrund rückt oder sogar gänzlich entfällt, sondern Suggestion. Sie umgeht möglichst die bewusste Wahrnehmungsebene und spricht direkt die Unbewusste an.
Menschen treffen über 70% ihrer Entscheidungen nicht rational, sondern – auf Emotionen beruhend – unbewusst. Daher macht sich Werbung Assoziationen, Triebe, Wünsche, Schwächen und Ängste, die im Unterbewusstsein der Menschen schlummern, zunutze.

Das Ergebnis ist eine unablässige Bombardierung durch Werbung und Marketing, die wohl das größte psychologische Einzelprojekt darstellt, das je unternommen wurde.

work and progress

| PERFORMANCE | WAND MIT SCHAUFENSTER (HOLZ | GLAS) | ZWEITÄGIGE PERFORMANCE | FEBRUAR 2011 |

 

 

room

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO ) | HOLZ / GLAS / FERNSEHER / PLASTIK | ACRYL / TEPPICH / STEIN / PAPIER | JANUAR 2011 |



Vier drei Meter große Schaukästen und ein Gerüst aus Paletten um sie zu vernetzen. So sieht die Installation aus. Den Besucher erwartet die Dunkelheit im Saal und eine Soundcollage, die ihn mit Geräuschen und Tönen beschallt, die wie aus einer Unterwasserwelt klingen. Zwei Studenten, Frank Balve und Nico Kiese, nutzen die historische Aula als Ausstellungsraum und wollen damit ein Zeichen setzen: während des Akademiejahrs wird hier Kunst gemacht. Frank Balve findet es wichtig, dass Künstler, die gerade im Produktionsfluss sind, ihre Werke auch ausstellen können.
Ihr Projekt in der historischen Aula der Kunstakademie ist multimedial, in einem Schaukasten befindet sich die Originalkulisse zu Frank Balves Film „Aschetaucher“; die anderen enthalten Variationen des Films. Ein Kasten zeigt den Film auf 24 Fernsehern, jeder davon in seinem eigenen Rhythmus; bei Stillstand setzt sich das Bild zusammen. In einem anderen ist das Bild auf den Kopf gestellt, die Bewegungen sind verlangsamt, verschiedene Perspektiven sind übereinander gelegt. Im dritten Kasten sind nur Schatten oder Umrisse zu sehen.
Der Film zeigt nackte Personen, die sich in einem Raum bewegen. Die Kulisse enthält ein Sammelsurium von alten Objekten: eine Wolkensammlung in bauchigen Gläsern, ein Fundus künstlicher Wimpern und Fingernägel hinter Glas, und ein von den Studenten selbstgebauter Schrank mit eingearbeiteten Bildschirmen sind hier zu sehen. Jedes Detail hat seine eigene Geschichte. Für die unbekleideten Statisten, war der Dreh sicher kein Zuckerschlecken. Die Situation sollte in ihnen ja auch ein bestimmtes Gefühl erzeugen. Frank Balve beschreibt den Ablauf der Aufnahmen:“Die Leute wurden da so zwei, drei Stunden lang mit Sound und mit Licht beschossen und hatten so fünf, sechs Eckpositionen, die sie machen sollten und dazwischen konnten sie frei agieren.“
Sie sind gefangen; in ihrer Nacktheit und Reinheit der Situation ausgeliefert, müssen sie sich den Gegebenheiten aussetzen. Mensch und Raum treffen hier aufeinander, der Künstler spielt mit Wahrnehmung und Perspektive. Das Auge des Betrachters versucht zu reparieren, was sich ihm nicht sofort erschließt.

ROOM
Nach Farben Graben?
Was willst du Grund?
Seit Tagen Verirrt, folglich tiefer als das Tier
Die Kleider Leichen schwimmen wie Asche Taucher
Tun Steine bleichen, stimmen sie „Flucht der Maurer“
Die Menge schwärmt von Alten Gaben
Druckt Lösungen auf milchig Fahnen
unwiderstehlich drum gehalten mit dem Mund
reisst nun der süsse Rost all spröde Lippen wund
Verhüllt und präsentiert sie
Zerknüllt und collagiert wie
Schmiegsam und geglättet
In Buchstaben eingebettet
Geflickter Wahn bedeutungsschwer getarnt
Jauchzend zersplisst die Herde
Schweiss bricht auf Lässt aufleuchten
nun tobt sie ruhig „denn Tod wurde erahnt“

 

lemniskate

INSTALLATION (VIDEO- UND SOUND) | VIDEO – 106 MINUTEN | HOLZ / GLAS /FERNSEHER / LEICHENSÄCKE | JANUAR 2011 |

 

 

im kantigen fels nach farben graben

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO ) |  HOLZ / FERNSEHER | VIDEO – 68 MINUTEN | KELLERINSTALLATION FÜR VIDEO | HOLZKASTEN IM SCHAUFENSTER | OKTOBER 2010 |

 

 

„ Ich muss noch Wolken verkaufen.“,
sagte er,
während triumphierende Nelken in seinem Fußabdruck wuchsen.
„Willst du noch länger im kantigen Fels nach Farben graben?“,
fragte sie.
„Ja, denn sie sind zum Bersten schön, doch verlogen bis in die Spitzen!“
Feines Haar schwingt von der Erschütterung halb verlorener Kulissen.
Fassade tot und kalt,
erstarrt in Bruch der Zeit,
Fenster bescheiden dicht im Schattenschleier,
seidig schimmernd, offen und hell.
Gläsernes Ohr, doch keine Fährte,
perlende Schau, hinab‘ in die Tiefe,
chronisch pulsierend an jenen Rohren entlang,
deren metallischer Klang der Klage entsprang.
„Ich wiege den Schlaf in der Welt, die ich kenne.“,
presste er mit leisen Pfeifen durch seine verschlossenen Lippen.
„Es ist als hätten wir es schon hinter uns.“,
schallte es unbeeindruckt von ihr zurück.
Heer starrer Augen. grau persifliert,
erfrorener Schauer schießt matt und schwach,
Verachtung,
Zeugnis wilder Wimpern, die Stein in Bewegung setzen
und dessen Bild erstarren lassen.
Zu schroffen Spitzen, die lispelnd bitten,
Lippen zu Ritzen aus feuchten Quitten.
„Das Glück erfolgt nicht durch dessen Tod,
sondern durch die Zerstückelung seiner Momente.“,
hob er sie lächelnd an.
„So wie Menschen es tun, flugstürme ich mein Umfeld,
so wie ich es fühle!“,
erkniet sie wieder.
„Doch was ist nun Ihr Preis?“ –
Zerfilzter Mund um Kakteen Dreck,
glühend gesund trotz flüssigem Zweck,
nun salzig entflammt mit vergorener Frucht
treibt es den Sand durch die Tränen der Sucht.
Die Poren gequollen der klagenden Schwestern
spürt Staubzunge sie laufen, loben und lästern

drunk

INSTALLATION (RAUM / SOUND / VIDEO ) | HOLZ / METALL / FERNSEHER | VIDEOWAND (8,00 X 4,50 M) |  SCHIFFSWRAK (6,00 X 2,50 M)  |  JULI 2010 |

 

Die raumgreifende Installation mit dem Titel „Drunk“, verbindet Medienkunst mit Bildhauerei, Musik und Lyrik. Eine der Inspirationsquellen für die Arbeit ist Arthur Rimbauds Gedicht „Das trunkene Schiff“. Aus dem Gedicht Rimbauds wurde ein neuer Text geschaffen, der den Gesamteindruck verstärkt und gedanklich die einzelnen Komponenten der Installation noch enger miteinander verstrickt.
Auf einer Bildschirmwand, bestehend aus 125 Fernsehgeräten, werden 60 aufwendig gefertigte Videos gezeigt. Die Bildschirme und DVD-Player stehen in einem verblendeten Industrieschwerlastregal. Dem gegenüber steht ein in zwei Teile gebrochenes Schiffswrack. Die Multiscreenwand, die den Raum wie ein riesiges, flimmerndes und blitzendes Monument dominiert, veranschaulicht die Masse und Komplexität aus Informationen die tagtäglich auf die Menschen einwirken.
Für die Filme wurde aus Internet, Fernsehen, Handyvideos, Spam-Mails und weiteren offenen Quellen Material ausgewählt und auf unterschiedliche Weise aufwendig bearbeitet. Die enge persönliche Auseinandersetzung mit der Thematik spiegelt sich in der Art der Ästhetik, Schnitte und händischen Einzelbildbearbeitungen wieder.
Ein weiteres Element des Werkes ist eine 60 Minuten dauernde Soundinstallation.
Die Musik ist eine Eigenkomposition aus überarbeiteten Störgeräuschen, welche die elektronische Komponente widerspiegeln. Auf diese Geräuschkulisse trifft ein klassisches Arrangement (Klavier und Streichinstrumente), das die Lyrik des Gedichtes noch einmal aufgreift, so dass der Zusammenhang von Bildschirmwand und dem gegenüberliegenden Schiffswrack illustriert wird.
Das selbstgefertigte, weisse Wrack liegt als Ruhepol im Schein der bunten Fernsehwand.
Wie eingefroren vermittelt es den Gedanken des gescheiterten Versuchs auf der Welle der Informationsflut zu bestehen. Mit seiner Zeitlosigkeit, im scheinbaren Stillstand bildet es ein Gegengewicht zum immer weiterlaufenden Informationsfluss.
Bei Text, Videos und Sound gibt es eine ähnliche Arbeitsweise. Das Ausgangsmaterial wird jeweils verändert, verfremdet, zerschnitten und zusammengesetzt, um so gezielt in eine neue Form zu er- langen.

digitale flut

Ich glitt hinab auf bewegten Flüssen,

den tiefsten Punkt erreicht,

genagelt an farbige Flächen, nackt und quer.

Ohne Schaden ließ mich der Strom, jedoch der Reiz,

stiess mich hinein in die plätschernde Wut der Gezeiten.

Strudel steigen im stillen Aug’ der See,

im Kreislauf verschwendet,

erlitt auch siegreich Lärm und Staub,
den einzigsten Fall der tanzenden Wahrheiten,

geläutert von dieser Flut rhythmisch-wirrer Langsamkeit
durchbohrte ich Himmel, Blitz, Brandung und Flut.

Folgte mondelang im Duft der Sterne,

milchigweiß den Wasserschichten,

dorthin wo Ertrunk’ne hingeraten.

Ahnungslos, dass Marien hier herrschten,

gräulich standen im Grund mit leuchtenden Füßen,

das Schwache im Griff.

Windstill.
Krüppelbäume, von Düften verflucht und Wanzen zerfressen.
gärend, faulend in den Sümpfen,

zwischen Binsen und dem schillernden Meer glühender Kisten.
Verlorenes Schiff, Kreuzer, Hansasegler, wassertrunkenes Wrack,
Digital-befleckt von Irrläufern, Zweifel und Lügen.

Zitternd , zerbrochen, offen für vogelfreie Fahrt, o Zukunft!
Vermiss Europas alte, bewährte Kunst.

Windstill.

Bilderflut.

Menschenleer.