------

Auf einmal steht man am Gitter, schaut verstohlen hinein in diese Mischung aus Versuchsaufbau und Kinderspielplatz, die einer Kreuzung aus Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ und Jean-Pierre Jeunet und Marc Caros „Die Stadt der verlorenen Kinder“ entsprungen zu sein scheint. Die Rauminstallation „bloc“ (2012) sperrt den Betrachter aus und lässt ihn im Dunkeln, jenseits der grellen Scheinwerfer, zum heimlichen Beobachter einer beklemmenden Szenerie werden. Dieses voyeuristische Moment, verbunden mit einer uns scheinbar vertrauten, jedoch in neuen Zusammenhängen verorteten Situation, ist charakteristisch für viele Installationen von Frank Balve.Verschiedene Elemente und Symbole, wie flirrende Fernseh- oder Überwachungsmonitore, dunkle Holzkonstruktionen oder Fliesen tauchen immer wieder auf. Die raumfüllende Medieninstallation „The Hide“ (2011), eine Mischung aus Doppelgalgen und Einarmigem Banditen, erhebt sich monumental über dem Betrachter. Die im Casino aufgenommene Soundcollage begleitend im Ohr, steht man wie geschrumpft vor den in der Luft hängenden, sich unermüdlich drehenden Monitoren, und wartet vergeblich darauf, dass sie anhalten und die ersehnte Kombination anzeigen. Auch in „1. Gesang“ (2011), ein sich auf die Göttliche Komödie von Dante Alighieri beziehender Hybrid aus Wandarbeit und Rauminstallation, greift Frank Balve auf eine Vielzahl von Monitoren zurück. Der erste Raum zeigt eine abstrakte, aus vielen Leinwänden zusammengesetzte malerische Fläche, auf die der Künstler die Farbe in einem performativen Akt kontrolliert und gezielt aufspritzte. Im zweiten Raum vervollständigt eine auf dem Boden liegende, aus 30 Monitoren bestehende audiovisuelle Installation die imaginäre Reise auf dem Fluss in die Unterwelt. Beim Einsatz der bereits genannten Fliesen, die immer wieder erscheinen, variiert die Symbolik von einem Extrem ins andere: Während saubere weiße Fliesen an eine sterile Kliniksituation erinnern, sind an den dreckigen, verschmierten, verschlissenen und gebrochenen schmutzigen Fliesen die Spuren der Zeit und ihre Geschichte abzulesen. Immer präsenter werden auch größere Objekte, die aus einer vom Künstler eigens entwickelten vielschichtigen Papier-Korallenstruktur bestehen und durch die Fragilität des Materials nur eine scheinbare Tragsicherheit suggerieren. Meist verschmelzen in Balves Rauminstallationen Skulptur, Plastik, Fotografie, Video und Malerei untrennbar miteinander. Dabei spielt die Verbindung von visuellen und akustischen Reizen, die für den Betrachter einen „Wahrnehmungsradius“ schafft, bei der Inszenierung stets eine wichtige Rolle. Während der Sound aus dem Off, bestehend aus extrem langsam abgespielten Klangelementen, die Installation auf ein auditives Grundgerüst bettet, lenkt die Lichtführung den Blick des Betrachters auf bestimmte Dinge und verdunkelt wiederum andere. Im Spiel mit Licht und Schatten, Linien und Flächen sowie verschiedenen Oberflächen entstehen immer wieder bewusste Leerstellen. Die meisten seiner Rauminstallationen konzipiert Balve als autonome Projekte (z.B. „bloc“). Manchmal verweisen traumhaft und surreal wirkende Videoüberblendungen innerhalb der Installation aber auch auf vorangegangene performative Elemente (wie bei „Fragment“). Sie deuten an, was in diesem Raum passiert ist oder sein könnte und bringen das Element Zeit mit ins Spiel: Zur Echtzeit des Betrachters innerhalb der Installation gesellt sich eine abstrakte Ebene, in der die Zeit stillstehen kann oder sich unbeeinflussbar ausdehnt. Balves Installationen haben eine enorme physische Präsenz. Sie sind nicht interaktiv im praktischen Sinne. Als Betrachter greift man nicht direkt in sie ein, sondern tritt mit den scheinbar verlassenen Räumen, in denen die Spuren anderer oft noch lesbar sind, in Beziehung. Man begibt sich auf eine Gratwanderung zwischen dem reinen Konsumieren des Gesehenen einerseits und Gefühlen wie Irritation und Beklommenheit andererseits. Diese Eindrücke, die jede Sekunde ins Gegenteil zu kippen drohen, machen uns bewusst, dass wir den trügerischen schönen Schein so mancher Oberfläche durchaus öfters hinterfragen sollten.
Anna Wondrak