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1986

Frank Balve | 1986
Frank Balve verbindet in seinem künstlerischen Werk kontinuierlich verschiedene Facetten von Malerei, Fotografie, Video, Performance und Installation zu einem komplexen Gesamtbild. In seiner 3. Einzelausstellung in der Galerie MaxWeberSixFriedrich zeigt er eine Reihe von neuen Gemälden, eine Skulptur sowie eine Soundinstallation.

1986, das Geburtsjahr von Frank Balve, ist ein bewegtes Jahr voller technischer Errungenschaften und Unglücke. Die amerikanische Raumsonde Voyager 2 sendet neue Bilder aus dem All, einige Tage später bricht die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start auseinander und hinterlässt keine Überlebenden. Im Frühjahr folgt die Katastrophe von Tschernobyl und Russland schießt die Raumstation Mir in den Weltraum.

Es herrscht eine Aufbruchsstimmung, nicht nur für den Künstler, sondern auch für die Welt. Auch die 2018 neu entstandenen Werke der Ausstellung markieren einen Wendepunkt im OEuvre von Balve: nach der intensiven Beschäftigung mit dem Blick nach Innen und dem Thema Portrait schweift Balves Blick nun in die Ferne. In diesem Kontext sind die großformatigen Gemälde mit Öl und Acryl auf Leinwand (80 x 100 cm bis 150 x 200 cm) als abstrakte Landschaften zu lesen. Auch wenn der Künstler der Abstraktion in der Malerei weiterhin treu bleibt, gibt es eine radikale Neuerung in der Technik. Einige Leinwände wurden vor dem Farbauftrag aufwändig mit einer speziellen Papierzellstofftechnik ummantelt, welche Balve bereits in früheren, primär installativen Arbeiten verwendet hatte. Die kalkig weiße, poröse und muschelhafte Oberfläche bleibt hier größtenteils frei stehen und bildet in ihrer eindringlichen und puren Materialität ein starkes ästhetisches Pendant zu den farbigen Flächen.

Während Frank Balve früher die Farbe noch regelrecht auf die Leinwand geworfen hatte, lässt er sie nun dickflüssig auf eine gespachtelte Grundstruktur auf die Leinwand fließen. Bis zu 100 Liter können sich so auf einem Bildträger wiederfinden. Den unterschiedlich schnellen Trocknungsprozess – Acryl trocknet schnell, Öl sehr langsam – steuert Frank Balve sehr bewusst und lässt dabei gezielt Risse und Krakelee in der Oberfläche zu. Der Vorgang, dass das Papier zuerst die Farbe aufsaugt und anschließend wieder ausblutet, verweist auch auf das ungebrochene Interesse des Künstlers an Aufbau und Dekonstruktion von Zuständen und Materialien. Das Aufbrechen des Innenlebens der Leinwand demonstriert das über alle Werke gelagerte Thema von Struktur und Tiefe.

Bei den Werken, in denen die Farbe den Bildraum ganz ausfüllt, befindet sich keine Papierstruktur im Hintergrund. Hier dominieren mit einem oft marmorisierenden Effekt dynamisch-pastose Farbverläufe, die sich immer feiner verästeln, um sich dann ganz in einer anderen Farbe auflösen. Rot, Schwarz und Weiß überwiegen, erstmals kommt auch Silber und Gold zum Einsatz. Der Malvorgang ist durch den Prozess des Farbe-Fließen- Lassens nachvollziehbar.

Das Thema Landschaft in der Malerei zeigt sich im Lauf der (Kunst)Geschichte in vielen verschiedenen Ausprägungen. Von der dekorativ-fragmentarischen Naturdarstellung im Mittelalter über die thematische Aufwertung in der niederländischen Buchmalerei bis hin zu heroischen Ideallandschaften und der Einheit von Mensch und Natur in der Romantik – stets fungiert Landschaft auch als Stimmungsbarometer des Menschen und steht nicht selten stellvertretend für die reine Schönheit des Göttlichen. Darüber hinaus veranschaulicht die Landschaftsmalerei auch weiter, von der Auflösung der Landschaft bei William Turner bis in die zeitgenössische Kunst hinein, das sich ändernde, teils auch ambivalente Verhältnis, das der Mensch zu seiner Umgebung und Umwelt hat. Diese sinnliche Erfahrung und düstere Poetik lässt sich auch in den abstrakten Gedankenlandschaften Balves ablesen.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist die Skulptur „Fliessende Ruhe“. Frank Balve verwendete ein altes Eisenbettgestell aus den 1930er Jahren als Sieb, indem er es in eine Wanne legte, und – ähnlich wie bei den übrigen Bildern – die Farbe in einer performativen Handlung von oben durch das Gestell auf eine darunterliegende Leinwand tropfen ließ. Das alte Bett mit seinen abgenutzten Federn und Kettengliedern fungiert als assoziativer Stellvertreter für Träume, Folter, Leben und Tod.

Vervollständigt wird die Ausstellung durch die Klangskulptur und Soundperformance „Wolkenbruch“. Als nicht greifbare Klanglandschaft ergänzt sie die abstrakten Bildlandschaften durch in Bewegung gesetzte Luft. Der Schall ist immer in Bewegung und wird durch permanente Modellierung, Zerstörung und Verzerrung defragmentiert. Somit vervollständigt „Wolkenbruch“ die überall spürbare Aufbruchsstimmung und ermöglicht dem Besucher eine ungeahnte Tiefenwahrnehmung auf visueller und akustischer Ebene.

Anna Wondrak, November 2018